Kritik: DER GOLDENE HANDSCHUH

copyright Warner Home Entertainment

(Deutschland 2019)

Regie: Fatih Akin

Mit: Jonas Dassler, Gerda Voss, Katja Studt

Freigabe: FSK ab 18

Story: Hamburg-St. Pauli, 1970: Der Hilfsarbeiter Fritz Honka verbringt seine Abende meistens in der Kiezkneipe „Zum Goldenen Handschuh“. Mit seinem deformierten Gesicht, seiner Brille mit Kassengestell, seinem starken Schielen und seinem Sächseln gilt „Fiete“ dort als harmlos und schüchtern. Von seinem Gastwirt lässt er ältere, einsame Frauen ansprechen und lädt diese auf alkoholische Getränke ein. Als er eines Tages eine Frau für Sex mit in seine kleine, mit zahlreichen Pin-Up-Bildern versehene Mansardenwohnung nimmt, tötet er sie. Um keinen Verdacht im Haus zu erregen, zerstückelt Honka die Leiche und legt einige Einzelteile in der Umgebung ab. Bei seinen späteren Verbrechen deponiert er die zerstückelten Leichenteile hinter den Verkleidungen unterhalb der Dachschrägen.

Kritik: Ich muss etwas weiter ausholen, um euch als Leser meinen Text etwas näher bringen zu können. Als Der Goldene Handschuh im Frühjahr 2019 in den deutschen Kinos anlief, hatte er die Presse, die Horrorfilme so oft bekommen. Da wurde berichtet von Menschen, die kotzend die Kinos verlassen und von ach so brutalen Szenen auf der großen Leinwand. Als geübter Horrorzuschauer, der in den frühen 1980ern geboren ist weiß man jedoch nur zu gut, dass da oft bis meistens nicht viel dahinter ist. Gepaart mit der Tatsache, dass wir es hier mit einer deutschen Produktion zu tun haben, die in diesem Genre nur selten Punkte sammeln können, sparte ich mir den Kinobesuch damals. Da ich für gewöhnlich mit meiner (nicht sonderlich horrorbegeisterten) Partnerin ins Kino gehe, ist es ein Glück, dass ich das damals so entschied, denn es wäre vermutlich das letzte Mal gewesen, dass sie mich ins Kino begleitet hätte.

Warum? Was ist denn hier passiert? Was hab ich da gerade auf Sky Cinema gesehen? Etwas verwirrt sitze ich noch hier vor meinem Laptop und schreibe diese Zeilen. Der Goldene Handschuh von diesem hochgelobten Regie-Wunderkind Fatih Akin (Gegen die Wand, Tschick) ist hart….verdammt hart. Lassen wir mal Indepententproduktionen eines Jörg Buttgereit und C-Geschmaddel von Olaf Ittenbach ausßen vor, vielleicht der härteste Genrefilm aus Deutschland überhaupt. Aber von vorne….

Fritz Honka? Ich beschäftige mich ja recht viel mit Serienkillern. Kenne die Stories um Ted Bundy, Dahmer, Manson, Ed Gein in und auswendig. Zum Thema Deutschland fällt mir dann auch noch ein Fritz Haarmann ein…aber Honka…nie gehört. Also was kann da schon so Krasses passieren, wenn ich noch nie davon gehört habe? Ok…schauen wir mal….

Der Film beginnt und sofort ist alles ekelhaft. Die Kulissen, die Darsteller, die Handlungen…schon im Opening wird eine Leiche von Hand zerteilt. Zwar eher abseits der Kamera, aber man sieht (und hört) genug, um es schon jetzt ziemlich eklig zu finden. Auch Honka findet die Geräusche zum Kotzen, tut das auch…und stellt den Plattenspieler an….“…es geht eine Träne auf Reisen“…wow…ich bin als Horrorfreund am Haken und kann schon jetzt verstehen, dass das pseudo-intellektuelle Berlinale-Publikum zu diesem Zeitpunkt schon um 25 Prozent dezimiert wurde.

Wir dürfen im weiteren Verlauf also Teil haben an dieser dreckigen, schmuddeligen Honka-St.Pauli-Eckkneipen-Welt und können diese von der Couch förmlich riechen. Nach und nach lernt Honka andere Frauen kennen…eine herunter gekommener als die andere und dabei kreiert der Film einen derart authentischen 70er-Look, dass man nur gratulieren kann. Sympathische Figuren? Gibt es hier nicht. Hoffnung? Höchstens ganz kurz, als Honka tatsächlich versucht von der schiefen Bahn zu kommen.

Nach 20 Minuten stelle ich mir erstmals die Frage: Wer spielt eigentlich hier so krass genial diesen entstellten Fritz Honka jenseits der 40er? Ein kurzes Google-Intermezzo verrät den Namen Jonas Dassler, geboren 1996 (Wtf!?!) und bisher völlig unter dem Radar deutscher Schwachsinnsproduktionen von Herrn Schweiger, Schweighöfer und wie sie alle heißen. Unwahrscheinlich, dass dieser geniale Schauspieler sich jemals für M’Barek und TV-Krimis prostituieren muss…der wird mal ne ganz andere Hausnummer. Da bin ich mir ziemlich sicher. Jedenfalls kann man ihn zu seiner Darstellung des Honka nur gratulieren und den Hut ziehen.

Während man dann über den Hauptdarsteller nachdenkt, wird Der Goldene Handschuh fast minütlich widerlicher. Unterwäsche mit Urinflecken, Feinripp mit Erbrochenem, Sex mit Bockwürsten, Senf auf Genitalien…hier wird alles abgefeuert, was abartig ist. Im Film versucht Honka die Gerüche der gebunkerten Leichen mit Wunderbäumen zu bekämpfen…mir vergeht jede Lust auf Snacks zum Film.

Tja, warum sollte man den Film nun anschauen? Er erinnert mich an William Lustig’s Maniac aus den 1980ern und atmet diesen Dreck, der zum Beispiel im Remake mit Elijah Wood fehlte. So musste ich auch öfter an Produktionen, wie Henry – Portait of a serial killer oder Schramm denken.

Überhaupt ist es einfach sehenswert, wie Akin hier die Gewalt darstellt, wie sie ist…rau, nicht übertrieben, kalt, schmutzig, abstoßend….während ich mich bei vielen US-Produktionen dabei ertappe den Killer anzufeuern, will selbst ich hier eigentlich schon fast wegschauen, weil alles so realistisch und kühl inszeniert ist…fast wie eine Dokumentation….und wenn im Abspann dann die echten Personen und Schauplätze der Geschehnisse gezeigt werden, kommt man zu dem Schluß, dass man auch in der Tat der Realität beigewohnt hat…

Fazit: Wer Interesse an den Taten echter Serienkiller hat und einen einigermaßen stabilen Magen hat, der MUSS Der Goldene Handschuh sehen. Die Ausstattung, die Darsteller, der Soundtrack…hier stimmt einfach alles und das macht diesen Film zu einem verdammt harten, aber vielleicht besten Stück deutscher Horrorfilmkunst. Die Überraschung des Jahres…aber für viele auch definitiv zu viel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.